Ihre Haut riecht nicht nach Vanille, denke ich, und nehme einen tiefen Zug. Sie riecht zwar süß, aber mehr nach Blumen. Mein Kopf liegt auf ihrem Bauch. Langsam hebt er sich mit ihrem Atem, dann senkt er sich wieder. “Du riechst nach Blumen”, sage ich und drehe den Kopf nach oben, um ihre Augen zu sehen. Sie sind grün, nicht blau, aber groß und schön. “Echt?”, fragt sie. Sie zieht die Augenbrauen hoch und lächelt. Langsam fährt sie mit ihrem Zeigefinger über meinem Rücken und zeichnet eine unsichtbare Linie. “Das klingt gut. Ich riech mich ja selbst nicht”, sagt sie, dann lacht sie ein bisschen. “Außer wenn ich Schwitze.”
Es ist kühl, die Decke liegt neben dem Bett auf dem Boden. Sie friert auch. Ich kann die leichte Gänsehaut auf ihrem linken Arm sehen, außerdem sind ihre Brustwarzen hart. Da wo sich unsere Körper berühren, ist es ganz warm. Ich drehe den Kopf wieder weg von ihrem Gesicht und schließe die Augen. Es riecht nicht nach Vanille, aber es riecht gut.
Die Bilder von gestern Nacht kommen ganz von allein. Erst der Weißwein auf dem Balkon, von dem aus die Lichter der Stadt aussahen wie ein Meer aus Kerzen. “Die Lichter sehen aus wie ein Meer aus Kerzen”, habe ich gesagt und an meiner Zigarette gezogen und sie hat mich mit glasigen Augen von der Seite angeschaut als wäre ich Gott oder sowas. Ich versuche, nicht mehr zu rauchen, aber in ihrer Gegenwart mache ich viele Dinge, die ich nicht tun sollte. Es fühlt sich an, wie zum ersten Mal Atmen. Meine Lunge fände die Ironie bestimmt nicht lustig, denke ich und fühle mich schlecht.
Nach dem ersten Glas Wein kam das Zweite, dann das Dritte, und während die Leere in meinem Kopf immer größer wurde, wurde der Abstand zwischen uns immer kleiner. Es war der gewohnte Tanz: Als hätte ich geglaubt, dass wir uns dieses Mal wirklich nur treffen, um bei einem Gläschen Wein zu plaudern. Und dann war doch wieder meine Hand in ihrem Haar und ihre Lippen auf meinen.
Wenn ich genau geradeaus schaue, gucke ich auf ihren Venushügel. Er ist ganz glatt und ich weiß nicht genau, wie ich das finde. Irgendwie mag ich es, aber es ist wie mit der Vanille. “Hast du noch Zeit für Frühstück?”, fragt sie. Ich denke nach. Um acht hat mein Handywecker geklingelt. Einmal habe ich auf Schlummern gedrückt, dann hatten wir Sex. Wahrscheinlich ist es kurz nach neun. “Um 10 muss ich in der Uni sein. Wird knapp”, sage ich. “Schneller Kaffee?”, fragt sie und fährt mit den Fingern durch meine braunen Locken. Als Antwort streiche ich mit der flachen Hand einmal von ihrem Rippenbogen über ihre Hüfte bis zum Oberschenkel. Er ist fest, sie macht viel Sport. Ich sehe sie vor mir, wie sie heute Nacht auf mir gesessen hat. Sie hat ziemlich viel Ausdauer, mehr als ich. Mehr als Nora. “Ja, Kaffee klingt gut. Gleich.” Ich will noch nicht aufstehen, denn ich weiß, welche Gedanken später auf der Straße auf mich warten.
Ich drehe mich auf den Rücken, sie setzt sich auf. Dann starren wir beide: sie auf mich, ich an die Decke. Meine Augen fühlen sich klebrig an. Ich drücke die Handballen auf meine Lider und versuche, den fehlenden Schlaf irgendwie reinzureiben.
***
Einmal hat sie mich gefragt, ob ich es Nora sagen werde. Ich hab mich überrumpelt gefühlt und nicht gewusst, was ich antworten soll. In der angespannten Stille sind ihre Mundwinkel immer schlaffer geworden. “Du weißt, dass ich das nicht einfach so machen kann. Bei ihr ist es sowieso gerade schwierig, ich muss den richtigen Moment finden”, habe ich gesagt und gehofft, dass es das Richtige ist. “Ich weiß, tut mir leid”, hat sie nur gesagt. Es war das Richtige, sie ließ ab. Aber die Stimmung war hinüber. Sechs Wochen ist das jetzt her, seitdem hat sie Nora nicht mehr erwähnt. Sie ist entweder sehr geduldig oder sehr verliebt. Der Gedanke macht mich nervös, weil ich weiß, wie ungeduldig sie ist.
“Los jetzt, ich mach uns Kaffee”, sagt sie, so als könnte sie meine Gedanken lesen. Ich weiß, dass sie versucht, mehr als Sex aus uns zu machen. Ich beobachte sie, wie sie ihr grünes T-Shirt vom Boden fischt und überzieht. Sie lehnt sich über die Bettkante und guckt sich um. Mit dem großen Zeh angle ich ihren Slip vom Boden rechts neben mir hin zu ihr rüber. “Danke”, sagt sie und blinzelt dabei übertrieben höflich. “Gern geschehen”, sage ich ebenso übertrieben höflich und lächle. Ihr Haar fällt ihr in langen roten Strähnen ins Gesicht. Mit ihren Sommersprossen sieht sie selbst so früh morgens schon aus wie das pure Leben. Es bringt nichts, mir einzureden, sie wäre mir egal. Stattdessen denke ich: Ich will niemandem wehtun.
Der Kaffee tut, was er tun soll: Er weckt mich auf. Das ist einerseits bitter nötig. Andererseits ist mein Verstand nach einer Nacht bei Maja im Wachzustand noch schwerer zu ertragen. Wir sitzen auf dem Boden des Balkons, der jetzt am Morgen ganz anders aussieht als bei Nacht. Unsere Weingläser und der Aschenbecher stehen noch auf dem nackten Beton. Sie hat hier keine Möbel, nur einen dieser plastikglänzenden Outdoor-Teppiche, aber er füllt nicht die ganze Fläche aus. Hinter den Eisenstangen der Brüstung dehnt sich immer noch die Stadt. Im Tageslicht ist das Kerzenmeer nur eine Ansammlung grauer Rechtecke.
Ich atme die feuchte Morgenluft ein und halte sie mit aufgeplusterten Wangen fest. Langsam lasse ich sie zwischen den Lippen entweichen. “Ich will nicht gehen”, sage ich und schiele zu ihr rüber. Es ist Ende September. Zu sommerlich, um den Kaffee nach drinnen zu verlegen, zu kalt für die kurzen Klamotten, die wir tragen. Sie wärmt ihre Hände an ihrer Kaffeetasse und schaut mich an. “Niemand geht gerne zur Vorlesung. Und alle, die was anderes sagen, belügen sich selbst”, sagt sie. Müsste ich wirklich um 10 in der Uni sein, dann wären wir wahrscheinlich nur zwei Menschen, die seit zwei Monaten dabei sind, sich beim Vögeln zu verlieben. Dann würde ich ihr jetzt zustimmen und lachen. “Stimmt”, sage ich und schnaube lächelnd durch die Nase aus. Sie lächelt zurück. Keine Ahnung, warum ich so überzeugend bin. In letzter Zeit wünschte ich häufiger, ich wäre es nicht.
Wenn man jemanden betrügt, denkt man dabei nicht viel. Das ist das Verzwickte: Alle erwarten, dass es sich scheußlich anfühlt, aber für den Moment ist alles gut. Mehr als das, man fühlt sich endlich wieder ganz. Wenn ich bei ihr bin, bin ich ich, als gäbe es drum herum einfach nichts, keine Stadt, geschweige denn andere Menschen. Es riecht nicht nach Vanille, aber es riecht gut. Und ehrlich, es ist auch ganz egal, denn es geht nur darum, überhaupt etwas zu riechen. Vielleicht ist meine Nase kaputt.
Die Kaffeetassen stehen leer in ihrer Spüle. Auf dem Flur verabschieden wir uns mit einem Kuss, erst danach öffne ich ihre Wohnungstür. “Tschüss”, sage ich und verkneife mir ein “Bis bald”. Wann wir uns wieder treffen, wissen wir beide nicht. So ist es eben. So muss es sein. Sie schaut mich an und lächelt mit zusammengepressten Lippen. Sie scheint zu bemerken, wie verkrampft sie aussieht und lässt etwas locker. “Tschüss.”
Ich nicke noch mal und ziehe die Mundwinkel hoch. Betont schwungvoll gleite ich die fünf Schritte über die Terrazzofliesen zum Aufzug. Als er sich hinter mir schließt, steht sie noch in der Wohnungstür. Jedenfalls höre ich das Schloss nicht klicken. Ich drehe mich nicht noch mal um.
***
Draußen strahlt mir die tief stehende Septembersonne ins Gesicht und blendet meine verquollenen Augen. Sie ist nicht mehr so stark wie im August, aber noch gibt sie für dieses Jahr nicht auf. Wie immer, wenn ich in den vergangenen Wochen eine Nacht bei Maja verbracht habe, ist der Heimweg die Hölle. Ich bilde mir ein, dass Nora fuchsteufelswild zu Hause auf mich wartet, weil sie es weiß. Sie ist so oft wütend in letzter Zeit, es ist viel zu leicht geworden, sie mir so vorzustellen. Hannes tu dies, Hannes tu das. Hannes, hörst du mir überhaupt zu? Ich sollte auf sie wütend sein. Ist sie nicht irgendwie an allem schuld? In meinem Hals formt sich ein Kloß und ich versuche, ruhig zu atmen.
Von weitem sehe ich die dunkelgrüne Holzvertäfelung von “Merts Blumen” und ziehe mein Portemonnaie aus der hinteren linken Hosentasche, um zu gucken, wie viel Bargeld ich dabeihabe. Zwischen dem schwarzen Leder stecken noch zwei Zehner. Wenn Nora fragt, könnte ich sagen: Mert war gerade draußen, als ich vom Bahnhof hergelaufen bin. Wir haben geredet, ich habe ihm gesagt, ich bin auf dem Weg nach Hause zu dir. Da hat er mir den Strauß aufgequatscht. Ist doch schön, oder? Sie wird irritiert gucken, aber auch ein bisschen lächeln und sich insgeheim freuen. Sie liebt frische Blumen. „Du riechst nach Blumen“, höre ich mich in Gedanken zu Maja sagen, mein Kopf auf ihrem nackten Bauch. Ich stecke mein Portemonnaie ein und gehe an „Merts Blumen“ vorbei. Lieber keine Fragen riskieren.
Sie wird keine Fragen stellen, denke ich, weil sie diesmal wirklich schon alles weiß. Wer betrügt schon seine Freundin und fährt dafür nicht mal in eine andere Stadt? Irgendjemand hat gesehen, wie ich in Majas Wohnung gegangen bin, statt weiter zum Bahnhof und von dort mit der Regio zu meiner Mutter. Mit den Daumen drücke ich gegen meine Fingergelenke, aber sie wollen nicht knacken.
Noch einen Kilometer, dann bin ich zu Hause. Ich schließe die Augen und sehe Nora, die mich vorwurfsvoll anguckt. Ich gehe durch sie hindurch. Noch neunhundert Meter. Ich will sie in den Arm nehmen und ihr sagen, wie leid es mir tut. Würde sie es zulassen? Noch achthundert Meter. Ich will niemandem wehtun, denke ich. Immer wieder.
Ich biege ab und nehme den Weg durch den Park, weil er länger ist, als der an der Straße. Die Bäume fangen schon an, sich rötlich zu färben. Noch achthundertfünfzig Meter. Mein Puls beruhigt sich etwas. Ich gehe an einer Bank vorbei, auf der ein Rentnerpaar sitzt. Er hält ihre Hände in seinen. Sie sind verschrumpelt, alle vier Hände, aber sie halten sich. Von der Hundewiese her hallt das Bellen eines braunen Labradors. Er spielt mit einem Chihuahua, der fröhlich quiekt. Noch siebenhundert Meter. Als ich den Park verlasse, schlägt mein Herz wieder schneller.
Vor unserer Haustür bleibe ich kurz stehen und atme dreimal durch. Dabei schaue mir die Maserung im Holz ganz genau an. Weder Nora noch ich haben Ahnung von Bäumen, aber es ist dunkles Holz, deshalb hat sie mal auf Walnuss oder Kastanie getippt. „Ich würde nur für die Haustür hier einziehen“, hat sie gesagt und gestrahlt, als wir im Sommer vor zwei Jahren von Google Maps aufgeschaut haben und zum ersten Mal vor unserem zukünftigen Mietshaus standen. Wir haben natürlich nicht gewusst, ob wir die Wohnung kriegen. Wir hatten das Hin und Her zwischen den WGs einfach satt und hielten uns mit diesem Schritt für sehr erwachsen.
Das Atmen hat nicht viel gebracht. Ich rede mir ein, dass ich mindestens zehn verpasste Anrufe und etliche wütende Nachrichten von ihr hätte, wenn sie es wüsste. Oder würde sie sich zusammenreißen und warten, um mir ins Gesicht zu brüllen, wie schrecklich ich bin? Ich drehe den Schlüssel im Schloss. Während ich die zwei Stockwerke bis zu unserer Wohnung nach oben gehe, sehe ich vor mir Majas Sommersprossen. Dann denke ich an meine Mutter, an das Haus meiner Eltern, an die Zugstrecke entlang des Rheins.
***
„Hallo-oh“, rufe ich in den Flur und werfe meine Schlüssel betont lässig in das blaue Keramikschälchen auf der Kommode. Stille. Mit gespannten Gliedern laufe ich in Richtung Wohnzimmer. Ich setze ein strahlendes Lächeln auf, aber die grüne Samtcouch ist verwaist.
Nora weiß es und hat einfach ihre Sachen gepackt, denke ich. Rückwärts gehe ich die zwei Schritte zurück in den Flur: Ihre Schuhe stehen in Reih und Glied im Regal. Ich stelle meine dazu und lasse meinen Rucksack daneben fallen. Ich schaue auf die Uhr an der Wand: viertel nach zehn. Nora ist Frühaufsteherin, aber manchmal bleibt sie noch eine Weile liegen. Sie muss erst um zwölf in der Uni sein, genau wie ich. Mit leisen Schritten gehe ich auf die Schlafzimmertür zu und nehme den Griff. Ich halte kurz inne und zähle nach: Sieben mal habe ich in den letzten Wochen gedacht, gleich ist alles vorbei. Mein Herz pocht hinter meinen Schläfen, während ich die Klinke nach unten drücke.
Als sie mich hört, schaut sie auf und lässt ihr Buch auf die weißen Laken sinken. „Na, wieder da?“ fragt sie und lächelt sanft. Mein Herz wird plötzlich warm, ich will mich zu ihr legen. Würde sie Maja riechen? „Wie wars?“, fragt sie. „Ganz gut. Ich soll dir von Mama liebe Grüße sagen.“ Es ist meine dümmste Ausrede bisher, denn natürlich kennt Nora meine Mutter. Manchmal denke ich, ich werde absichtlich leichtsinniger, damit sie mich endlich durchschaut. „Danke, liebe Grüße zurück“, sagt sie bloß und guckt wieder auf ihr Buch. „In der Küche steht noch Kaffee, wenn du willst”, murmelt sie und ich frage mich, ob sie mit den Seiten redet oder mit mir.
Eindringlich schaue ich sie an. Sie trägt noch mein hellblaues T-Shirt, in dem sie momentan schläft, weil sie zum Schlafen gern zu große Klamotten trägt. Ihre langen Beine zeichnen sich unter der Bettdecke ab und es sieht aus, als hätte sie den linken Knöchel über den rechten geschlagen. Ihre blonden Haare hat sie ungekämmt zu einem Zopf gebunden. Wann haben wir aufgehört, uns richtig anzugucken? Vor meinem inneren Auge sehe ich Majas Gesicht. Maja, die mich immerzu anguckt. Nora blickt auf. „Ist was?“, fragt sie. „Nein, alles gut“, sage ich und will plötzlich nichts mehr, als dass wirklich alles gut ist.
Mir fällt auf, dass ich noch meine Jacke trage. Ich hänge sie an den Haken in den Flur, dann gehe ich zurück ins Schlafzimmer. „Darf ich mich zu dir legen?“, frage ich. Sie zieht die Augenbrauen leicht nach oben. „Klar.“ Sie legt ihr Buch zur Seite. Ich gehe um das Bett herum und krieche links neben ihr unter die Decke. Durch meine Jeans kann ich ihre nackten Beine fühlen. Ich schmiege mein Gesicht an ihre Halsbeuge und sauge ihren Duft ein, immer noch in Sorge, dass sie Maja riechen kann. Mit der rechten Hand drückt sie meinen Kopf kurz an sich und gibt mir einen Kuss aufs Haar. Lieben wir uns? „Du riechst nach Vanille, weißt du das?“, sage ich zu ihr und sie zieht wieder die Augenbrauen hoch. „Gut zu wissen“, sagt sie. Dann sucht ihr Finger die Stelle, an der sie aufgehört hat zu lesen. Ich versuche, nicht an Maja zu denken. Wenn es mir gelingen würde, wäre vielleicht alles wieder gut.
