I never promised the universe I would be a good writer.
Elizabeth Gilbert
I just promised the universe I would be a writer.
Und damit viel Spaß mit meiner ersten kurzen Kurzgeschichte. 🌞
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Der Leichenschmaus
Ein kalter Windhauch weht um Maries Knöchel, als eine Gruppe Jugendlicher die Tür des Cafés öffnet. Der Spätherbst draußen nimmt der Heizungsluft für einen Moment die Schwere.
Maries Hände legen sich fester um die dampfende Tasse Roiboostee vor ihr auf dem Tisch.
Sie schließt die Augen.
***
Vor einer halben Stunde standen sie alle um das Loch in der modrigen Erde, in das die Sargträger Lauras Kokon aus Samt und massiver Eiche sinken ließen. Bei der Vorstellung von Lauras leblosem Körper ist Marie wieder übel geworden. Hätte das Loch bis ans andere Ende der Welt gereicht, vielleicht wäre sie gesprungen.
Nur der Anblick Lauras leidender Eltern hielt Marie überhaupt auf den Beinen. Die Hände des Vaters umschlossen zitternd die bebenden Schultern der Mutter. Ihr Schluchzen hallte unerträglich in die Stille des Friedhofsgeländes.
Irgendwer musste die Fassung behalten, aber Maries Kräfte waren endlich.
“Von der besten Freundin hätte man wohl erwarten können, noch zu bleiben”, hört Marie die Trauergäste sagen. Als würde ein Leichenschmaus nicht ohnehin nur bei Toten funktionieren, deren Tod niemanden überrascht.
Für jede fröhliche Geschichte, die man sich über eine tote Sechsundzwanzigjährige erzählt, rasen bloß zehn weitere durch den Kopf, die niemals mehr geschrieben werden.
***
Marie öffnet die Augen.
Der heiße Dampf des Tees trifft auf ihr Gesicht und kühlt dort langsam ab. Ihr Blick schweift durch den Raum. Wie getrieben ist sie in dieses Café gelaufen, nachdem sie vom inoffiziellen Teil der Beerdigung abgehauen war.
Ein Mann mittleren Alters sitzt an einem Tisch in der Ecke und liest. Außer ihm und ihr selbst ist niemand allein hier. Die Tische sind mit Gruppen gefüllt: Familien, Freunde, Paare. Sie sehen gelöst aus, zufrieden. Auch der einsame Mann wirkt zufrieden mit seinem Sonntag.
Wie Marie wohl gerade wirkt? Die Augen vermutlich noch glasig und gerötet, die Nase ebenfalls rot. Ihren Schal und die Jacke hat sie noch an.
Sie will hier nicht sitzen.
Wäre Anton gekommen, hätte sie es vielleicht geschafft, zu bleiben. Aber er hatte sich nicht freinehmen und herfahren können. “Ich halte so viel Traurigsein sowieso nicht aus, Marie. Du kennst mich.”
Er hatte recht. Ihr hätte seine Anwesenheit geholfen, ihn hätte es nur gequält. Also hat sie es allein aushalten müssen. Bis sie es nicht mehr aushielt und klammheimlich verschwand.
Maries Mut sinkt weiter in die Magengegend, als sie ihr Handy aus der Tasche kramt. Kein verpasster Anruf von Anton, nicht mal eine Nachricht, um zu fragen, wie es ihr geht.
Manchmal wünscht sich Marie, Anton wäre anders.
Am Abend wird er ihr erzählen, wie voll die Pisten heute waren. Da kann er den Skiunterricht nicht für private Anrufe unterbrechen.
“Wollen Sie auch was essen? Frühstückszeit ist leider nur bis 14 Uhr, das wird jetzt knapp. Wir haben aber noch Nusstorte, Marmorkuchen und Zitronenkuchen im Angebot. Der Zitronenkuchen ist vegan.” Vor Marie steht der vielleicht 19-jährige Blondschopf mit leicht pickeliger Stirn, der ihr auch den Tee serviert hat.
“Nein, danke.” Marie versucht ein Lächeln. Ein bisschen gelingt es sogar, der Junge verschwindet zufrieden.
Der Dampf trifft immer kühler auf Maries Gesicht.
***
Genau vor einer Woche hat Marie auch Roiboostee getrunken, mit Laura. Zusammen saßen sie auf der Couch in Lauras Wohnzimmer.
Drei Wochen davor war Anton für die Skisaison nach Sölden gefahren und Laura tat wie immer ihr Bestes, um Maries plötzliche Einsamkeit aufzufangen.
Bei dem Gedanken daran brennen wieder Maries Augen. Sie blinzelt die Tränen weg. Eins, zwei, drei – landen sie auf ihrer Strumpfhose.
Die Fünfergruppe am Tisch rechts von Marie bricht in Gelächter aus. Sie sind in etwa in ihrem Alter.
Einer der Männer hat gerade etwas Lustiges erzählt. “Und dann…”, japst die Rothaarige neben ihm, “dann hat er sturzbetrunken versucht, dem Taxifahrer weiszumachen, er wäre ein berühmter Schauspieler!” Die Gruppe prustet und keucht noch lauter. Der Mann ganz links, ziemlich sicher kein berühmter Schauspieler, nimmt die Hand der Rothaarigen und drückt sie fest, immer noch lachend.
Nervös knibbeln Maries Finger an dem Keks auf ihrer Untertasse. Erst vage, dann immer deutlicher spürt sie, wie ihre Stimmung kippt.
Sie denkt an Antons reservierte Miene während all der anfänglichen Versuche, ihn ihrem Freundeskreis vorzustellen. An ihre letztliche Kapitulation vor seinen Erklärungen, sie würden nicht zu ihm passen.
In einem grausamen Zusammenschnitt der letzten drei Jahre sieht sie jeden hochsommerlichen Nachmittag vor sich, den sie deshalb mit Antons Freunden auf dem Boot seiner Eltern verbracht hat, statt mit Laura und den anderen am See zu liegen.
Die Wut in Maries Bauch bahnt sich den Weg durch ihre Kehle und steckt ihre Augen wieder in Brand.
Ihr Tee steht kalt vor ihr auf dem Tisch.
***
Der Fünfeuroschein, den Marie unter die Untertasse klemmt, hat einen Riss. Beim Aufstehen hält sie den Tisch fest, traut ihren Beinen noch immer nicht zu, sie sicher zu tragen.
Fast hat sie sich zum Gehen gewendet, da sieht Marie aus dem Augenwinkel das Display ihres Handys auf der Sitzbank aufleuchten. Kurz zögert sie, dann lässt sie es klingelnd in ihrer Jackentasche verschwinden.
Sie hat etwas wiedergutzumachen.
Ein kalter Windhauch weht ihr ins Gesicht, als Marie die Tür des Cafés öffnet. Sie schlingt ihre Arme um ihre Taille und macht sich mit festen Schritten auf den Weg.
