Worum geht’s eigentlich in… echolot?

Ich will meine Gedichte so teilen, dass man Spaß an ihnen hat. Am besten sogar dann, wenn man mit Lyrik sonst nichts anfangen kann. Beim Schreiben des Beitrags zu echolot bin ich aber selbst ein bisschen ins Schwitzen gekommen. Also schnallt euch besser gut an.

Wenn du echolot nicht kennst, kannst du es erstmal hier lesen. “Worum geht’s eigentlich in… ?” ist keine Gedichtanalyse im klassischen Sinn. Die Reihe soll einen Einblick in die Reise von der Inspiration bis zum fertigen Gedicht geben. Und den Prozess des Gedichtschreibens entlarven als das, was er ist: Intuitiv und für alle zugänglich. Deswegen gibts zu echolot und jedem anderen Gedicht aus dieser Reihe Hintergrundinfos: Was hat mich inspiriert? Was bedeutet das Gedicht? Und wieso der Titel? Viel Spaß damit. 🌞

Inspiration.

Vor ein paar Wochen hab ich völlig nüchtern – das wird gleich noch relevant – auf der Dachterrasse meiner WG in der Sonne gesessen (jap, I’m a lucky girl) und in Richard David Prechts Wer bin ich und wenn ja, wie viele? gelesen. Es ist eine unterhaltsame Reise durch die wichtigsten Stationen der Philosophiegeschichte. Perfekt für Menschen wie mich, die von Philosophie keine Ahnung haben. In einem Kapitel über das Ich beschreibt Precht eine Idee Ernst Machs (dem Typen, nach dem die Mach-Einheit bei Überschallgeschwindigkeit benannt ist). Ernst Mach war der Ansicht, das Ich sei “unrettbar”. Es gäbe kein beständiges Ich, sondern bloß einen Fluss von Empfindungen. Momentaufnahmen des Bewusstseins, die sich andauernd wandeln. Für das Ergebnis sei es außerdem ziemlich wurst, ob ein äußerliches Geschehen diese Empfindungen auslöst, oder innerpsychische Prozesse, also zum Beispiel Erinnerungen oder Tagträume. Vor dem Bewusstsein ist alles gleich, so in etwa.

Diese Idee hat mich ziemlich gepackt. Was, wenn es wirklich kein Ich gibt? Wenn das Ich nichts weiter ist, als eine laufende Abfolge von inneren und äußeren Eindrücken, die sich zu einem Bewusstseinsstrom verbinden? Hätte ein Gespräch dann nicht die Macht, verschiedene Bewusstseinsströme – also Ichs – miteinander zu vermischen? Über das Bewusstsein weiß man bis heute so wenig, dass ich auch nach sechs Jahren Psychologiestudium nur sagen kann: Möglich wär vieles.

Bedeutung.

Ab hier wirds wieder weniger trippy. Inspiriert von diesem epiphanen Moment geht es in echolot um die Macht von Gesprächen. Genauer um die Idee, dass wir die Welt nicht nur mit den eigenen fünf Sinnen wahrnehmen. Sondern auch, indem uns vermittelt durch Sprache die Wahrnehmung anderer Menschen zugänglich wird. Ich glaube, mit diesem Gedanken kann man sich anfreunden, ohne sein Ego in Mach’scher Manier komplett aufzugeben. Wir alle erinnern uns an Ereignisse, bei denen wir selbst nicht anwesend waren. Sie wurden uns lebhaft erzählt und erzeugen dadurch das Gefühl, wir wären irgendwie doch dabei gewesen. Die ersten drei Strophen von echolot beschreiben genau dieses Phänomen. Dabei ist es egal, ob es um innere Empfindungen (wie die Wut während eines Streits) oder äußere Empfindungen (wie den Anblick watschelnder Enten) geht. Besonders im Gespräch mit nahestehenden Personen erleben wir das Erzählte oft innerlich mit.

Titel.

Last but not least: Warum echolot? Obacht, es folgt ein technologischer Exkurs. Ein Echolot ist ein Gerät, mit dem zum Beispiel U-Boote den Abstand zu Umgebungsobjekten messen können. Dafür werden Wellen erzeugt, die an Objekten in Reichweite abprallen und zum Echolot zurückgelenkt werden. Über die Zeit, die das Echo braucht, um beim Gerät anzukommen, lassen sich Entfernungen bestimmen. Dieses abgefahrene Konzept hat sich der Mensch bei Fledermäusen abgeguckt. Die nachtaktiven Tiere produzieren Töne im Ultraschallbereich, mit deren Echo sie sich in ihrer Umwelt sehr genau orientieren können. Sonst würden sie auf den verwinkelten Spitzböden alter Gebäude ziemlich oft gegen Balken fliegen. Als ich angefangen hab, ein Gedicht über Sprache als zusätzlichen Wahrnehmungssinn zu schreiben, wusste ich gleich: das Wort “Echolot” soll drin vorkommen. Weil ein Echolot ein zusätzlicher Wahrnehmungssinn ist, den Menschen nicht haben. Und weil Echolot verdammt cool klingt.

Übrigens: Die letzte Strophe sollte ursprünglich heißen

kann sprache nicht also
ein echolot sein?
ein sinn, der uns selbst transzendiert.

Ich hätte es in dieser Version auch fast veröffentlicht. Kurz vor knapp kam mir die Idee für eine Änderung, um dem Titel auch inhaltlich mehr Sinn zu geben. So wurde aus dem letzten Vers “ein Sinn, der die Welt reflektiert” (wegen reflektierten Schallwellen und so). Die erste Version trifft eigentlich besser, was das Gedicht ausdrücken soll: Sprache als eigenes “Sinnesorgan”, mit dem wir das, was wir aus erster Hand wahrnehmen, überschreiten – oder transzendieren. Und erweitern um das, was andere schon wahrgenommen haben. Ich hab mich trotzdem für die aktuelle Version entschieden, weil sie in meinen Augen den Gedankensprung zum Echolot nachvollziehbarer macht.

So viel zu echolot. Die nächsten “Worum geht’s eigentlich in… ?” werden ein bisschen weniger verschroben, versprochen. Wie gings euch beim Lesen? Habt ihr was mitgenommen oder wünscht ihr euch von dieser Reihe noch was ganz anderes? Und: Welche Version der letzten Strophe gefällt euch besser? Ich freu mich auf euer Feedback.

x, Annika

Ein Gedanke zu „Worum geht’s eigentlich in… echolot?

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