Geschlechtergerechte Sprache im (Lokal-)Journalismus

Stellt euch folgende Szene vor: Drei Redakteure machen gemeinsam Kaffeepause. Sie sitzen an einem Tisch im Konferenzraum, vor zehn Minuten wurden hier noch die Themen der nächsten Sonntagsausgabe besprochen. Die drei diskutieren über die Zukunft des Journalismus. Jetzt beobachtet mal einen der Redakteure etwas genauer. Stellt euch die Person vor eurem inneren Auge vor.

Ich hab nur eine einzige, einfache Frage: Ist euer Redakteur eine Frau?

Wahrscheinlich eher nicht. Die männliche Form soll in solchen nicht weiter spezifizierten Situationen alle Geschlechter “mitmeinen” (deshalb heißt sie “generisches Maskulinum”). De facto macht sie alle außer Männern weitgehend unsichtbar. Dabei reicht es als Begründung für das generische Maskulinum schon, wenn nur ein einziger Mann in einer Gruppe von Frauen vertreten ist.

Gedankenexperimente wie das oben zeigen wiederholt, dass Sprache unsere Wahrnehmung formt. Aus sozialpsychologischer Sicht ist es quasi unumstritten, dass das generische Maskulinum Auswirkungen auf unser Denken und Handeln hat. Auf unser Denken eben deshalb, weil es dafür sorgt, dass wir dort, wo es auftaucht, mehr Männer als Frauen vor Augen haben. Auf unser Handeln, indem es zum Beispiel Frauen von einer Bewerbung abhält. Oder gleich dafür sorgt, dass sich Mädchen Berufe weniger zutrauen, wenn sie im generischen Maskulinum formuliert sind.

Ungerechtigkeit erwünscht?

Umso frustrierender ist es für mich als junge Autorin, nicht immer geschlechtsneutral schreiben zu dürfen. In vielen Redaktionen sagen die obersten Riegen nach wie vor: Ne, das liest sich so blöd.

Vom Blog meiner Uni bin ich inzwischen gewohnt, den Plural mit einem Doppelpunkt zu gendern. Statt Studenten schreibe ich dann zum Beispiel Student:innen. Es gibt auch andere Wege, gendergerecht zu schreiben. Zum Beispiel durch die simple Doppelnennung (Studentinnen und Studenten) oder neutrale grammatikalische Formen wie “Studierende”. Für meinen ersten Printartikel hab ich sehr bedacht versucht, gleichzeitig auf das generische Maskulinum und auf “abschreckende” Sternchen und Doppelpunkte zu verzichten. Dass die betreffende Zeitung letztere nicht nutzt, war mir bewusst. Im Endeffekt wurden aber auch Doppelnennungen und grammatikalische Alternativformen gestrichen und durch männliche Formen ersetzt.

Aus der Sicht einer Berufseinsteigerin gibt es dazu zwei Dinge zu sagen. Erstens: Das Problem betrifft nicht nur die Redaktionen kleinerer Lokalzeitungen, von denen man auf Grund des alternden Publikums eine gewisse Zurückhaltung in progressiven gesellschaftspolitischen Fragen erwarten könnte. Auch die renommiertesten Zeitungen Deutschlands halten bisher mehrheitlich am generischen Maskulinum fest. Nur für diejenigen zu schreiben, die es mit der Geschlechtergerechtigkeit ernst meinen, ist also kaum eine Option – besonders dann, wenn man noch überhaupt kein Standing in der Branche hat. Zweitens: Vom Griesgrämen im stillen Kämmerchen wird sich die Situation nicht verändern.

Die Zukunft des Journalismus

Es ist weder besonders umständlich, geschlechtsneutral zu schreiben, noch dauert es besonders lange, sich an das Lesen und Hören der entsprechenden Formulierungen zu gewöhnen. Das wissen alle, die es ernsthaft versucht haben. Im Gegenteil: Nach knapp zwei Jahren bewussten Genderns im eigenen Sprachgebrauch merk ich sehr deutlich, wie falsch sich das generische Maskulinum anfühlt, wenn Frauen mItGeMeInT sind.

Das Gute ist, dass die Zeit scheinbar für die Sache arbeitet. Die Grenzen zwischen Befürwortung und Ablehnung gendergerechter Sprache verlaufen entlang demographischer Linien, auch der des Alters. Je jünger die Personen, die man fragt, desto mehr Zustimmung für’s Gendern. Ähnlich sieht’s bei der politischen Positionierung aus: Je weiter links die präferierte Partei, desto wichtiger ist den Befragten gendergerechte Sprache. In Kombination betrachtet liefern diese beiden Punkte Anlass zur Hoffnung, dass sich die Stimmungslage in den Redaktionen mit jedem neuen Journalisten und jeder neuen Journalistin weiter verschiebt. Denn der Nachwuchs ist nicht nur jung, Journalist:innen sind als Gruppe betrachtet auch eher linksliberal eingestellt. Das ist trotzdem kein Freischein dafür, sich dem Schicksal einfach zu fügen. Je mehr Mut die Befürworter:innen gendergerechter Sprache haben, sich klar zu positionieren, desto schneller wahrscheinlich der Wandel.

Also nochmal: Drei Redakteur:innen machen gemeinsam Kaffeepause und unterhalten sich über die Zukunft des Journalismus. Ist sie wohl gendergerecht? Hoffentlich ja.

x, Annika 🌞

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