Die kurze, unbefriedigende Version meiner Antwort: Ja und nein. Damit hier niemand gleich augenrollend von Dannen zieht, gibt es auch noch eine lange Version. Und sie lautet wie folgt.
Ja, ich glaube man sollte lesen, um gut zu schreiben. Frei aus dem Bauch heraus fallen mir zwei gute Gründe dafür ein.
- Das Lesen und der Wortschatz. Hand aufs Herz: Auch als vermeintlich fertige Erwachsene stolpern wir ab und an über neue Worte. Und meistens haben wir sie zum ersten Mal irgendwo gelesen. Ich begegne beim Lesen zwar nicht ständig völlig unbekannten Wörtern. Aber durch regelmäßiges Lesen bleibt auch beim Schreiben eine buntere Palette rund klingender Formulierungen spontan für mein Sprachzentrum abrufbar.
- Lesen hilft mir, stilsicherer zu werden. Hast du schon mal ein Buch mit besonders eindrücklichem Schreibstil aus der Hand gelegt und danach festgestellt, dass deine Gedanken im gleichen Rhythmus weiter fließen? Mir passiert das regelmäßig. Ich bin sicher, so geht es ganz vielen Menschen. Je mehr ich lese, desto stärker habe ich das Gefühl, in unterschiedliche Schreibstile “schlüpfen” zu können. Das ist ziemlich hilfreich, um den Klang eigener Texte an Inhalt und Ziel des Stücks anzupassen – eben stilsicherer zu werden.
So viel zum Ja-Part der langen Version. Er beschreibt aber nur eine Seite der Medaille, denn ich glaube trotzdem: Nein, man muss nicht zwangsläufig viel lesen, um gut zu schreiben. In meiner Kindheit und Jugend spielte Kultur im klassischen Sinne keine herausragende Rolle – auch nicht Literatur. Ich lese weder über- noch unterdurchschnittlich viel. Mal lese ich ein Buch in der Woche, mal monatelang so gut wie gar nicht – und beides ist okay. Aber es fühlt sich nicht immer so an. Weil man sagen könnte, ich will mit dem Schreiben etwas zu meinem Job machen, wovon ich augenscheinlich wenig Ahnung habe.
Spart euch solche Selbstzweifel besser gleich. Ihr müsst nicht zu jedem literarischen Bestseller gleich am Erscheinungstag eine Meinung haben und die Lebensgeschichte aller klassischen Autor:innen kennen, um selbst anspruchsvolle Geschichten schreiben zu dürfen. Gleiches gilt für die zwanghafte Auseinandersetzung mit namhaften Medienhäusern und berühmten Kolleg:innen, wenn ihr zum Beispiel Journalist:in werden wollt. Solche Gedanken sind nichts weiter als das Hochstapler-Syndrom der Schreibbegeisterten.
Ich finde: Viel wichtiger als eine Leseroutine ist am Ende eine Schreibroutine. Schreibt Tagebuch, schreibt Briefe, schreibt Gedichte, schreibt für euch selbst, für eure Tante oder den Nachbarn. Sucht euch Jobs und fangt klein an: Hauptsache, ihr schreibt. Lesen kann helfen, aber die Inspiration für schöne Worte müssen am Ende nicht immer Worte sein. So gern ich mich von lebhaft erzählten Geschichten fesseln, von feingeistigen Gedichten berühren und gut recherchierten Reportagen mitreißen lasse, so oft waren es am Ende ganz andere Eindrücke, die mich beim Schreiben inspiriert haben.
Deshalb also: Ja und nein.
Lest ihr selbst viel und wenn ja, wie hat das euer Schreiben beeinflusst? Oder lest ihr weniger und kennt vielleicht das Gefühl, deswegen selbst kein:e gut:e Autor:in sein zu können? Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen.
x, Annika

Toller erster Blogartikel, liebe Annika! Ich freue mich auf viele weitere 😍
#proud
Und ich mich erst 🌞
Danke, Vera!
I am so excited! You go, girl! xxx