Holt eure Notizzettel raus, heute geht es um die weibliche Sexualität. Oder genauer: Um den hormonellen Zyklus von Menschen mit Gebärmutter. Der hat nämlich erstaunlich viel mit kreativem Arbeiten – und somit auch dem Schreiben – zu tun.
Als Gesellschaft reden wir nicht gerne über den Zyklus. Warum eigentlich? Von PMS, also dem prämenstruellen Syndrom, das uns schlechte Stimmung und Krämpfe beschert, haben die meisten immerhin schon mal gehört. Aber auch andere Zyklusphasen als die (Prä-)Menstruation beeinflussen noch ganz andere psychische Aspekte als nur die Stimmung. Darüber wird bloß so gut wie nicht gesprochen. Die Feministin in mir ist davon genervt. “Aber Moment!”, werden manche jetzt vielleicht denken. “Ich will hier was übers Schreiben lesen. Was hat das mit Feminismus zu tun?”
Tja. Ich kann nicht über meine Erfahrungen mit dem beruflichen Schreiben erzählen, ohne meinen Zyklus zu erwähnen. Denn während meine Hormone munter vor sich her schwanken, schwanken meine psychischen und körperlichen Vorraussetzungen für gutes Arbeiten mit. Diese zyklischen Veränderungen werden in der Arbeitswelt nicht mitgedacht. So entsteht in regelmäßigen Abständen ein Mismatch zwischen den immer gleichbleibenden Anforderungen und meinen Möglichkeiten, ihnen gerecht zu werden. Eine kurze Umfrage auf Instagram hat gezeigt, dass ich mit diesem Problem nicht alleine bin. Um die Arbeits- und Lebenszufriedenheit der Betroffenen zu steigern, sollten wir also über Lösungen nachdenken. Dafür ist es zuerst nötig, das Problem offen zu thematisieren.
Wie mein Zyklus meine journalistische Arbeit beeinflusst
Es folgt ein kurzer Sexualkunde-Crashkurs. Der hormonelle Zyklus beginnt mit dem ersten Tag der Periode. Ab dann stößt der Körper das Gewebe aus dem alten Zyklus ab und bereitet sich hormonell wie körperlich auf den nächsten Eisprung vor. Der findet bei einem vierwöchigen Zyklus ungefähr am 14. Tag statt. Will man schwanger werden, sollte man die Zeit jetzt besser gut nutzen. Mit dem Eisprung endet die erste Zyklushälfte, auch Follikelphase genannt. Es folgt die zweite Zyklushälfte, die Lutealphase. In dieser Zeit merkt der Körper, dass er blöderweise umsonst alles hübsch für ein Baby vorbereitet hat. Daraufhin wird er böse, fängt an zu krampfen und zu toben und schmeißt die ganze blutige Deko irgendwann raus. Mit Beginn der Periode geht alles wieder von vorne los. Crashkurs Ende.
Als angehende Journalistin recherchiere, interviewe und schreibe ich. Die gerade beschriebene Achterbahnfahrt beeinflusst, wie ich recherchiere, interviewe und schreibe. Denn sie beeinflusst auch meine Konzentrationsfähigkeit, meine Gesprächigkeit und meine Kreativität.
Die Konzentrationsfähigkeit.

Unsere Aufmerksamkeit ist vereinfacht betrachtet wie ein Lichtkegel von variablem Durchmesser und variabler Helligkeit. Was im Lichtkegel landet, wird bewusst wahrgenommen und verarbeitet. Wirklich konzentriert ist man, wenn man seine Aufmerksamkeit über längere Zeit einer eingegrenzten Aufgabe widmet. Der Lichtkegel ist dann sehr klein, aber ziemlich hell. Onlinerecherchen, bei denen ich mich fokussiert auf ein Thema einlassen muss, fallen mir in der zweiten Hälfte meines Zyklus erfahrungsgemäß leichter. Dann bin ich zwar schlechter drauf, aber weniger ablenkbar. In dieser Phase tendiere ich auch zum Grübeln, also dazu, mich in einem Gedanken sehr tief zu verlieren. Ich finde, das passt irgendwie zusammen. Leider ist die Forschungslage zu diesem Thema mager und teils widersprüchlich. Die Frage, wann sich die Aufmerksamkeit während des Zyklus gezielter oder weniger gezielt bündeln lässt – beziehungsweise, ob es überhaupt einen belegbaren hormonellen Einfluss gibt – ist aktuell kaum zu beantworten. Umso wichtiger ist es, das wissenschaftliche Interesse an dieser Frage durch eine offene gesellschaftliche Debatte zu steigern.
Die Gesprächigkeit.
Wer mich kennt, weiß, dass ich auch Fremden gegenüber gesprächig sein kann. Das ist bei Interviews natürlich sehr hilfreich. In diesem Artikel schreibe ich, dass ein Interview ein flüssiges Gespräch sein sollte. Das klappt besonders dann, wenn alle Beteiligten gleichermaßen mit Feuereifer bei der Sache sind. Die Zeit vor der Periode ist besonders bekannt für ihre negativen Auswirkungen auf die Stimmung. Weniger thematisiert wird, dass es vielen – so auch mir – in dieser Phase schwerer fällt, sozial zu interagieren. Interviewtermine können dann der komplette Horror sein. Im Voraus, weil sich jede Faser meines Körpers dagegen sträubt, mich in eine unbekannte soziale Situation zu begeben. Währenddessen, weil das sonst flüssige Gesprächs-Pingpong zum zehrendern Tennismatch wird (think: innerliches Tennisstöhnen nach jedem Satz). Passend dazu werden Hirnregionen, die für das Erkennen von Emotionen in Gesichtern zuständig sind und damit die Basis für soziale Interaktion liefern, in der zweiten Zyklushälfte schwächer aktiviert. Man könnte sagen, das Gehirn ist von Haus aus weniger darauf eingestellt, sich auf ein Gegenüber einzulassen. In der ersten Zyklushälfte, vor allem kurz vor dem Eisprung, fallen Gespräche dafür umso leichter.
Die Kreativität.
Mit Abstand am kreativsten bin ich in der Mitte meines Zyklus’, also um den Eisprung herum. In dieser Zeit – von ungefähr einer Woche – spricht gefühlt die ganze Welt zu mir. Sinneseindrücke lösen viel heftigere Emotionen aus und ich bin ständig inspiriert. Das Schreiben fällt mir dann am leichtesten. Was ich sehe und fühle lässt sich einfacher in Worte übersetzen und überhaupt hab ich viel mehr Ideen. Umgekehrt fällt es mir kurz vor meiner Periode oft unheimlich schwer, irgendwas zu prodzuieren. Was ich unter Kreativität verstehe, kennen Kognitionspsycholog:innen als divergent thinking. Heißt: Aufgaben, bei denen es darauf ankommt, frei in verschiedenste Richtungen zu denken. Das lässt sich sogar im EEG beobachten. Misst man die Hirnaktivität von Frauen während ihres Eisprungs und lässt sie dabei kreative Aufgaben lösen, beobachtet man ein großflächiger verteiltes Aktivationsmuster, als zu anderen Zyklusphasen. Die Forschung interpretiert das so: Proband:innen denken dann in weniger abgetretenen Pfaden und stellen freiere Verknüpfungen zwischen Hirnregionen her. Divergent thinking, eben. Ich höre einen Vogel und denke nicht nur Piep, sondern fühle Hoffnung und Frühlingserwachen.


Eine mögliche Lösung
Wenn du Aufgaben abhängig von deinem Zyklus unterschiedlich gut erledigen kannst, bist du also nicht allein. Wenn ich in der unkreativen Phase vor meiner Periode Artikelideen brainstorme und kurz vor meinem Eisprung unter ständiger Ablenkung recherchiere, ist das Ergebnis nicht optimal. Umgekehrt wird’s vielleicht großartig. Vereinzelt wird das Thema inzwischen von progressiven Magazinen und Blogs aufgegriffen. Das ist so gut und so wichtig. Man findet im Internet auch Geschichten von Menstruierenden, die ihren Lebens- und Arbeitsrhythmus im Selbstexperiment an ihren Zyklus angepasst haben. Was man vorschnell in die Eso-Hippie-Schublade stecken könnte, würde die Lebensrealität vieler Menschen unter Umständen enorm erleichtern.
Bei aller betriebenen (und wichtigen!) Gender- und Diversityforschung wurde bisher nur spärlich untersucht, ob die konstanten Anforderungen der Arbeitswelt den hormonellen Schwankungen Menstruierender gerecht werden können. Ich finde, es reicht nicht, hier auf Veränderung zu warten. Wir können schon jetzt im Rahmen unserer Möglichkeiten versuchen, unsere To-Do Listen und Terminkalender an die hormonellen Voraussetzungen anzupassen. Zum jetzigen Stand der öffentlichen Debatte hilft aber vor allem eins: Lauter darüber reden.
Also los! Spürt ihr euren Zyklus bei der Arbeit? Und wie säh’ für euch in einer perfekten Welt der Umgang damit aus? Ich bin gespannt zu hören, wie es anderen geht. 🌞
x, Annika
