Wäre ich nicht von anderer Stelle finanziell abgesichert, sähe mein Leben gerade ganz anders aus. Dann hätte ich im letzten Jahr nicht das Privileg gehabt, mich mit dem Schreiben kreativ ausprobieren zu können – weil mir schlichtweg das Geld dazu fehlte. Über einen Traumjob, der für zu viele Träumerei bleiben muss.
Als ich mit absatzeins angefangen hab, ist mir etwas sehr elementares bewusst geworden: Ich hab unheimlich viel Zeit übrig, um Dinge zu tun, auf die ich Lust habe. Das ist keine ganz neue Erkenntnis – wie gut mir Ruhepausen zwischendurch tun, weiß ich ja nur, weil ich sie mir überhaupt nehmen kann. Eigentlich sollte das der Standard sein, aber für viele ist es das nicht.
Selbstfindung kostet Zeit und oft ist die bares Geld. In meinen Ersten beiden Semestern hab ich nach der Uni und am Wochenende gekellnert. Kinder- und Taschengeld reichten für die günstige Miete, für alles weitere gab’s meinen Job im Café. Eigentlich normal, natürlich. Ich weiß aber nicht, wie entspannt ich heute hier und anderswo rumschreibseln würde, wenn ich nicht nur das Masterstudium, sondern auch einen geldbringenden Nebenjob im Nacken hätte. Denn vom Schreiben allein könnte ich nicht leben. Muss ich auch nicht, und das ist der springende Punkt. Meinen Job hinter der Theke hab ich zum dritten Semester an den Nagel gehängt – weil ich durch ein Stipendium bis auf Weiteres abgesichert war.
Traumjob Adé?
Mit kreativem Rumprobieren kann man sich häufig nicht mal einen genügsamen studentischen Lebensstil erwirtschaften. Das ist ein echtes Problem. Denn practice makes perfect und feste Jobs bekommt man nur mit Erfahrung. Wenn man kein absolutes Wunderkind ist, ist sich auszuprobieren also essenziell. Dafür müssen Berufseinsteiger:innen Zeit übrig haben, die sie unter- oder unbezahlt verdödeln können. Nicht jede:r kann sich das leisten. Schreiberfahrung sammeln und Uni und Brotjob wären ehrlich gesagt eine körperliche und mentale Belastung, auf die ich dankend verzichten würde – auf meinen Traumberuf entsprechend gleich mit.
Selbst schuld? Nee, ich glaube nicht. Solange Honorare von 50 Cent und weniger pro Zeile* bei Lokalzeitungen normal sind, siebt der journalistische Berufseinstieg ganz einfach aus. Denn genau wie ich sammeln viele andere auch in Lokalredaktionen ihre ersten Erfahrungen. Gerade die bezahlen leider oft nur ein notdürftiges Taschengeld. Ist man auf den Job finanziell angewiesen, ist Überarbeitung eigentlich vorprogrammiert.
*Das sind keine 50€ für einen durchschnittlichen lokalen Zeitungsartikel, an dem man je nach Rechercheaufwand einige bis viele Stunden arbeitet.
Democracy dies in darkness
Seit 2017 hat die Washington Post einen eigenen Slogan. Er lautet: Democracy dies in darkness, Demokratie stirbt in der Dunkelheit. Gänsehaut, oder? Ich hoffe, jemand hat dafür ein anständiges Honorar bekommen. Wir brauchen Journalismus, denn ohne Informationen funktioniert freie Meinungsbildung nicht. Ein so wichtiger Beruf sollte zugänglich sein, egal welchen finanziellen Hintergrund man hat. Trotz der eher späten Erkenntnis, dass ich Schreiben zum Beruf machen will, kann ich meinen Weg dahin (noch) ohne Geldnöte suchen. Dafür bin ich unheimlich dankbar. Gleichzeitig ist es frustrierend, mich damit glücklich schätzen zu müssen.
Hier findet ihr eine Auflistung der größten Stipendiengeber:innen in Deutschland, die Studierende unabhängig vom Studiengang ideell und finanziell unterstützen. Es lohnt sich bestimmt auch, sein Glück bei journalismusspezifischen Stipendien zu versuchen – eigene Erfahrung hab ich damit allerdings nicht. Dass für mich gerade alles so läuft, wie es läuft, ist jedenfalls ein krasses Privileg. Ich hoffe, dass sich speziell bezogen auf journalistisches Schreiben in Zukunft etwas tut, sodass sich finanziell benachteiligte Nachwuchsschreiber:innen in diesem absoluten Traumberuf ausprobieren können.
Mein eigenes Stipendium läuft diesen Herbst voraussichtlich aus, dann muss ich mich für das verbleibende Semester nochmal selbst finanzieren. Vom nebenberuflichen Freischreiben allein werde ich – mit meinen aktuellen Honoraren – jedenfalls nicht leben können. Bis dahin hab ich Zeit, eine Lösung zu finden. Zum Beispiel bessere Bezahlung mit den aktuellen Auftraggeber:innen aushandeln oder besser bezahlte Aufträge dazu gewinnen. Als dritte Möglichkeit bleibt natürlich, mich für den Rest meines Studiums im Sinne meiner Finanzen eben doch auf einen Brotjob zu fokussieren. Kellnern hat mir Spaß gemacht und wäre sicherlich keine schreckliche Übergangslösung. *cries in master degree*
x, Annika 🌞
